Fotografien von Ute Hille im Ballhaus in Düsseldorf

 

„Ein Auge winkt, die Seele klingt; du hast’s gefunden, nur für Sekunden… Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider – Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück… Vorbei, verweht, nie wieder.“

 

Das schrieb Kurt Tucholsky 1932 – da lebte er in Berlin. Er nannte seinen Text ‚Augen der Großstadt’. Eine Momentaufnahme, ein Lebensgefühl, wiewohl des Verlustes. Jenes – doch schon längst vergangene – 20.Jahrhundert der unzähligen Verluste war – eben nicht zufällig – auch eine Hoch-Zeit der Fotografie: Das Foto konnte und wollte etwas dokumentieren, was sich entzog: dem Innehalten, dem Festhalten, dem Aufhalten. Le temps perdu. Paris, Berlin.

 

„Du siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern.“ Es war vor allem die Fotografie, die die Namenlosen und Unbekannten in zufällig wirkenden Lebensmomenten festhielt und wenigstens ihre Gesichter noch einmal aufscheinen ließ. Vielleicht macht dieses Vermächtnis unzähliger Fotografinnen und Fotografen die historische Bedeutung der Fotografie aus.

 

An dieses Interesse, an diese Art der Wahrnehmung schließen die Fotografien an, die Ute Hille zur Zeit im Ballhaus ausstellt. Es sind vor allem Gesichter, aus der unmittelbaren Nähe in scheinbar beiläufigen Lebenssituationen wahr- genommen. Gesichter von Menschen, die Zugehörigkeit ausstrahlen. Aus ihnen spricht – etwas pathetisch formuliert – eine Selbstverständlichkeit des Daseins. Und des Soseins. Die ausgestellten Fotografien zielen – so verstanden – weniger auf das Porträthafte des Einzelnen als vielmehr auf das, was sich in diesen Gesichtern zeigt: eine je eigene Form von Leben und Lebendigkeit. Vielleicht Momente des Einverständnisses mit dem Leben.

 

Bildschirmfoto 2015-07-26 um 15.56.49

 

Fotografien sind auch immer Selbstaussagen des Fotografierenden. Mir als Betrachter drängt sich der Eindruck auf, mit der Fotografin und ihren Sujets ‚Zuhause’ zu sein. Es ist die fehlende Fremdheit, die diesen Blick ausmacht. Nicht das Außergewöhnliche, nicht das Sensationelle, sondern das Zufällige: das, was nur dem sehenden Blick zufällt.

 

Fotografien sollte man sehen, nicht sie beschreiben. Vielleicht auch aus diesem Grunde verzichtet Ute Hille darauf, die ausgestellten Fotografien zu betiteln, sie einzuordnen oder gar selber zu deuten. Sie überlässt es dem Betrachter, eigene Bedeutungslinien zu entdecken. Denn es ist die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung, die diesen fotografischen Blick auszeichnet.

 

‚Begegnungen Paris – Istanbul’, so der Titel der kleinen Ausstellung, die zusammen mit Videoarbeiten von Jürgen Hille und Malerei von Sylvie Benignus noch bis zum 19.7.2015 im Ballhaus zu sehen ist.

 

 

Wolfgang Waldmann, im Juli 2015