Zur Photoausstellung in der VHS/Romaneum Neuss

Portraits, Chinesisches Neujahrsfest Paris von Gabi Fitzner
Ein junges Mädchen, sie hält die Augen geschlossen. Was denkt sie?  In der Hand trägt sie einen Speer vor sich, die Spitze offen, um den Schaft flattert rotes Werg.
Zwischen den Augenbrauen zwei kleine rote Punkte. Das einfache hellgrüne Kopftuch zieren gelbe Pompons auf einem blaumetallenen Haarreif, dessen Ornamente
wie eine Sonne erscheinen.
Ute Hille zeigt Photographien, die im öffentlichen Raum entstanden sind. Dreifachspiegelung: Chinesen, die sich auf ihren Umzug zum chinesischen Neujahrsfest in
Paris vorbereiten, von einer deutschen Photographin gebannt, die Bilder werden im Neusser Romaneum  gezeigt. Spurensuche in einer globalisierten Welt.
Als Betrachter sind wir verunsichert, ob es Profis sind, Darsteller der Peking Oper, wissen nicht, ob die Chinesen in Paris beheimatet sind oder Reisende.
Die Porträtierten sind vereinzelt im Moment der Nähe, der Konzentration, Zeit und Ort ist gebannt im Kameraausschnitt.
Die individuellen emotionalen Regungen werden überhöht und verweisen auf festgelegte Rollen, deren Gestik und Mimik  jahrhundertealter Tradition entnommen
werden kann. Auch die Farben der Gesichter  haben ihre Bedeutungen. Die rote Farbe kennzeichnet einen aufrechten, tapferen Menschen, blau charakterisiert
Wildheit und Unerschrockenheit, aber auch Arroganz. Die starke Schminke wird zur Maske. Was verbirgt sich dahinter? Der Monsieur mit dem gold-blau-roten
Kopfschmuck lächelt misstrauisch in die Kamera. Wir werden nicht erfahren, was er denkt.
Das Jahr des Drachens wird eingeläutet. Februar 2012 in Paris, vor dem Hotel de Ville im Maraisviertel. Der alte chinesische Bauernkalender lässt das Neue Jahr seit
1645 am Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar beginnen. Der geflügelte, des Fabeltiers taucht ein junger ganz in Rot gekleideter Chinese hervor
– wie Jonas aus dem Walfischbauch.  Der andere farbenfrohe Drachenkopf wartet noch auf den Einsatz.
Es herrscht verhaltene Neugier auf den eigentlichen Umzug, auf das Umherziehen und Zurückkommen zum Ursprungsort, auf Veränderung und Neubeginn.
In diesem Jahr  wird das Jahr der Schlange gefeiert. Das geheimnisvolle Wesen, dem  Weisheit und Scharfsinn, Willensstärke und Liebreiz zugeschrieben werden.
Die alte weißgeschminkte Dame mit der Feder in den gelben Bändern und das Kind mit den rot-weißen Würfelpompons sind im regnerischen Paris 2013 porträtiert.
Die Farben scheinen blasser an dem kalten und nassen Februartag.
Ute Hille ist viel unterwegs, die Kamera hat sie immer dabei. Sie ist neugierig und offen für das, was der Zufall bietet. Seit sie 2007 ein Jahr in Paris gewohnt hat,
ist die Metropole ihr Refugium, ihre Wahlheimat. In ihrem Blog Lichtzeit Paris, stellt Ute Hille ihre photographischen Eindrücke vor. Paris in allen Facetten:
Straßenleben, Schaufensterauslagen,  Bistros, das Leben in den Parks. Sie porträtiert die Parisiennes, eine Cellistin, die müde Afrikanerin in der Metro, den Kellner
in seiner Pause. Der äthiopische Gaukler auf dem Markt balanciert immer noch den orangenen Goldfisch im Aquarium auf dem Kopf.
Und so findet sich in Ute Hilles Ausstellung zum Schluss das Bild des Karussells. Die Welt dreht sich in ihrem ewigen Einerlei, wie schon bei Rainer Maria Rilke 1906
im Jardin du Luxembourg:
…und das geht hin und eilt sich, dass es endet, und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel… und manchesmal ein Lächeln, hergewendet, ein seliges, das blendet
und verschwendet, an dieses atemlose blinde Spiel…“ (Das Karussell)
Die chinesischen roten Lampions entzünden sich und die Drachentatzen auf der Kleidung der jungen Männer verheißen neue Kraft.
Freuen wir uns auf die Neujahrsporträts zum Jahr des Pferdes 2014!